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Tjaha damals.

Sanft strich die Morgensonne über die Wipfel der Bäume vor meinem Zimmer. Licht begann den Raum zu durchfluten, die letzten
Schatten der Nacht zu verjagen und den sanften Duft von Morgentau auf den Blättern und Halmen der Pflanzen durch mein Fenster
zu tragen. Unbewusst, doch tief sog mein innerstes Selbst diesen alltäglichen Odem der Freiheit in sich auf, ließ sich
durchwabern von der gesunden Würze der heimatlichen Luft, ließ sich davontragen von der Unbeschwertheit der Jugend, der
Unbekümmertheit vor jedwedem Grimm, den die Erwachsenenwelt bereithielt, ließ sich ermutigen, den Tag mit einem gesunden
Frühstück zu beginnen... und mußte sich auch erstmal überhaupt dazu überreden lassen, aufzustehen.

Damals wars. Ich denke zurück an die Zeit um 1980. Ich als unbeschwerter Jüngling, gerade mal 14, die erste Freundin am
Haken, Schule war der Graus - aber es ward nicht mehr lang bis zu den Sommerferien, das Freibad im Nachbardorf hatte schon
geöffnet, und dort traf ich sie jeden Nachmittag... meine erste Liebe, meine Göttin. Kaum im Bad, schon an sie ran, ab ins
Becken, die Zunge in ihren Hals und die Finger im vertikalen Lächeln versenkt... ja so ließ es sich aushalten. Die Welt war
so schön und unbeschwert... Petting im Freibad, bei 30 Grad im Schatten. Als die Sommer noch Saison hatten. Die Mädchen noch
als solche bezeichnet wurden, und nicht als Bitches wie heutzutage. Damals wars. Unbeschwert. Liebenswert. Nicht verkehrt.
Und kalt am Herd.

Doch bevor der Tag startete und die Schule hinter einen gebracht werden konnte, kam erst mal ein anderes tägliches Martyrium.
Das Frühstück. Herzlichen Dank, ich brauch auch gleich morgens nen Zwei Tassen Koffeinschock! Und ja gerne, würg ich zwei
Brötchen mit unschuldig dreinblickendem Belag runter... entweder bestehend aus Früchtchen, die besser noch am Halm hängen
geblieben wären, statt sich lemminggleich todesmutig und völlig zermalmt ins Konfitürenglas zu stürzen - oder in
fermentierter Milchform als Käse in Scheiben oder Aufstrich, weil die heile Welt der lila Milchkühe da draußen ja ach so
wunderschön ist... da kommt sogar dem Plüschmonster aus der Werbung von Bärenmarke der Instantkaffee hoch. Egal! Augen zu und
durch! Rein mit dem Dreck! Dann noch die vorher von (Groß)muttern selbst gehäkelte Pausenbrottüte samt ominösem Inhalt in den
Ranzen verfrachtet und spätestens im Mülleimer vorm Schulgebäude entsogt, die 50 Pfennig Milchgeld in Fußballsammelbilder am
nächsten Kiosk investiert anstatt inne Pausenmilchtüte, damit man aufm Schulhof das Bayernwappen in Gold gegen das vom HSV
tauschen konnte und ab ins Klassenzimmer - dort wo die Spaßbremsen des Tages lauerten, weil sie einem irgendwas erzählten,
was keinen interressierte und trotzdem irgendwie hängenblieb... denn damals hatten die Schüler wenigstens noch Respekt vor
den Paukern, anders als heutzutage... wo die Lehrer mehr Raubtierdompteure denn Pädagogen sein müssen.

Ja, auch so ein Tag ging rum. Zu Hause angelangt den Ranzen in die Ecke gefeuert und das Einzige was man noch im Kopf hatte
war die nasse Grotte, in die man so schnell wie möglich einiges vom eigenen Körper stecken wollte. Höhlenforscher muß ein
schöner Beruf sein... was einem da alles um die Nase tropft... aber ich schweife ab.

Mittagessen runtergewürgt. Hausaufgaben verleugnet. Badetasche gepackt. Kritisch nach dem Wetter geschaut, obs auch ja nicht
regnet. Noch kritischer geschaut, wenn sichs zuzog. Trotzdem losgefahren, weil man eh ne Dauerkarte hatte (die man damals
tatsächlich auch noch bezahlen konnte) und gehofft, daß die Angebetete genauso geil wie man selbst war. Ficken durften wir ja
noch nicht, aber naß waren wir trotzdem. Und dann war man im Freibad, der zugezogenene Himmel fing an zu pissen, und man
fluchte. Aber nicht lange. Denn die Angebetete kam auch. Trotz des Regens. Und wenn so ein Tag im Freibad mit Regen im Sommer
ETWAS Schönes hat, ist es der Effekt, daß jeder bei Regen fluchtartig das Bad verlässt. Und wer von euch schon einmal in
einem Sommerregen in einem leeren Becken mit eurer Jugendliebe geplanscht hat, weiß was dann abgeht. Die Anziehsachen
lagerten eh in der abschließbaren Abteilung der Umkleide und die Freundin trug ja eh nur recht wenig im warmen Wasser...
heidewitzka, so ne Schlittenfahrt ist lustig. Und Schnee ist glitschig. Warum hab ich grad nen Ständer? Egal!

Jugend. Kindheit. Erinnerungen.

Heutzutage prügel ich mich rum mit Ämtern, denen ich nur noch schriftlich und in dreifacher Ausfertigung meine Meinung geigen
kann. Heutzutage ziehen sich nur noch DIE Weiber freiwillig vor mir aus, die ich vorher angerufen und mit 1,99 Euro pro
Minute bestochen habe. Damals hat mir ein Mitschüler im Pausenhof nen dummen Spruch gedrückt, dafür hab ich ihm eins über
seine Kauleiste gebügelt und die Verhältnisse waren wieder gradegerückt. Oder er hat mir eine gebügelt, und ich hab seine
Meinung akzeptiert. Mal so, mal so. Heute brauchts für jeden Dreck nen Schulpsychologen. Und für die Pädagogen ebenfalls. ADS
ist so ein wunderbares Modewort und schwirrt heutzutage als Krankheit umeinander... damals hatten wir diese Fälle auch im
Klassenzimmer, aber dann wurde vom Lehrer - der seinen Erziehungsauftrag tatsächlich noch ernst nahm - tatsächlich auch mal
verstärkt auf diesen Schüler eingegangen. Elternabende wurden noch als das benutzt, wofür sie gedacht waren... als Austausch
zwischen Lehrer und Eltern. Heutzutage muß man als Lehrer froh sein, nicht verklagt zu werden, wenn man zu laut oder in der
falschen Tonart dem Sprössling ein "NEIN!" vorsetzt. Überhaupt Lehrer! Im Nachhinein betrachtet wuchs ich in der glücklichen
Zeit auf... der Rohrstock war grade ein Jahrzehnt verpönt und die Steißtrommler (Spitzname für "Lehrer") genossen noch den
ihnen gebührenden Respekt, aber hatten bereits gelernt, auch auf ihre Schüler einzugehen. Die Schulen waren noch längst nicht
so verwahrlost wie heute, das Respektgefälle Lehrer-Schüler stimmte einfach noch. Man mochte sich nicht, aber man achtete
sich. Heutzutage mußt du als Lehrer ja schon 20 Jahre GSG9 Erfahrung mitbringen, wenn du dich in deine neue Hauptschulklasse
stürzt, um Respekt zu erfahren. So ist das eben.

Was hab ich eigentlich die ganze Zeit mit Lehrern? Weil mein Sprößling (der bei seiner Mutter lebt und daher nicht unter
meinen Fittichen großwird) gerade auch diese Phase des Widerwillens und der Probleme durchmacht?! Und ich ihm weder helfen
kann bei der Verarbeitung noch beim Verdreschen des Lehrers (mal n Spaß am Rande)?! Ich weiß es nicht.

Ist ja auch wurscht. Ich wollt ja eigentlich auch nur ein wenig Vergangenheitsbewältigung betreiben. Ein Sommerloch stopfen.
("Was fürn Loch? Was issn nu mit deinem Ständer?" - "DRECKSAU!"). Viel zu oft ertappe ich mich dabei, daß ich an die alten
Zeiten denke und was wohl ein ungebrauchter Fluxkompensator für die nächstgelegene Zeitmaschine kosten würde... aber das
Leben geht eben weiter, wie man so schön sagt, und auch die Themen werden jünger. Nur wir ewigen Nörgler werden immer älter.
Aber auch besser - wie alter Wein eben. Abgehalftert, liegengelassen... aber gereift und weise. Sex in der Flasche, befreit
vom Unwissenden, der den Djinn aus ebenderselben entlässt. Wir wissen vielleicht nicht viel, aber Lebenserfahrung können wir
vorweisen. Wir haben die Geschichte nicht nur beobachtet oder erlesen, sondern selbst erlebt. Also hört auf uns, wenn wir
euch einen Rat geben, ihr junges Volk da draußen. Nicht alles, was euch eure Altvorderen erzählen, ist Humbug. Das meiste
davon ist Wissen und nicht Weisheit. Denn Weisheit haben nicht mal die ganz alten Säcke... sonst würden sie auch nicht soviel
Unfug machen wie unsereiner!

Damit könnt ich diesen Blogtext eigentlich abschließen. Unter dem Motto "Die Unweisheit des Alters" würde er bis hierher wahrscheinlich noch nichtmal ne schlechte Figur machen. Pustekuchen!

(Moment... ich muß diesen Ständer endlich runterprügeln... wo sind meine zwei verklebten Backsteine zum Aufeinanderhauen... ahjada!)

Heute wach ich auf. Das Erste, was ich hören muß, ist irgendein Morgenmuffel im Radio, der mir alle fünf Minuten um die Ohren weht, was für einen Sender ich zum Wecken gewählt habe, wie toll dieser Tag doch ist, warum ich nicht schon längst den nächsten Blütenstaub aus der Kelle der Wiesenblume lutsche, die vor meiner Tür lauert (mach das mal in der Großstadt... mal sehen wie lang es dauert, bis die Helden mit der Zwangsjacke kommen, weil du an nen Pflasterstein nuckelst) und warum ich überhaupt richtig liege, grade diesen Sender zu hören... denn nur hier bekomme ich all das, was ich überall sonst auch bekomme. Alles ist so beliebig geworden. Das geht schon morgends im Radio los. Weiter gehts im TV. Kochshows allüberall, aber kaum noch Menschen, die wissen wie sie einen Herd anmachen sollen. Oder ne Frau. Aber das issn anderes Thema.

Autos hatten mal Charakter. Ecken und Kanten. Typen eben. Individualität war gefragt. Heute sieh dich um: gleiches Outfit, gleiche Karosse, alles rundgeschliffen, null Eigenheit. Gleichgültigkeit.

Egal. Ich geh weiter. Frühstücksradio hab ich erfolgreich überlebt. Dann steh ich am Übergang. Meine Ampel springt auf Grün. Aber der Torpedorambo in seinem Porsche (Smart, Mercedes, wayne intressierts sehen eh alle gleich aus) muß noch über die Ampel gurken. Ich springe zur Seite, um nicht vom Fahrtwind umgeblasen zu werden und schicke dem Kollegen Verkehrsteilnehmer ein freundliches "Fick Dich!" und einen entsprechenden Fingergruß hinterher. Derart motiviert überquere ich die Straße und stelle fest, dasß auch nichtmotorisierte Verkehrsteilnehmer zu Arschlöchern in der Größenordnung des Mount Everest mutieren können. Fahrradfahrer, die im Dämmerlicht des Morgens schon kein Licht mehr brauchen, auf einem Gehweg in falscher Richtung unäquivalent zur Fahrbahn in die falsche Richtung rauschen und auf daherkommende Fußgänger schon gar nicht achten, haben in der Regel nur eines verdient: an der nächsten Hauswand per Ellbogencheck zu zerschellen! Aber dank reduzierter morgendlicher Aufnahmefähigkeit schleiche ich weiter... der Bäcker für meine Brötchen kann ja SO weit nicht mehr sein. Da nähere ich mich auch schon dem Entree des Verkaufsetablissements für Backwaren aller Colour... und wer steht wie immer vor mir in der Schlange?! Der Arsch von Bauwerker, der zu blöd war, morgends ein paar Stullen zu schmieren. Hier aber über jeden Zipfel diskutieren muß, bevor er seine Einkaufschaft endlich im eigenen Fettgewebe einlagert... oder der Deppennachbar, der Bildzeitungkaufend mal eben über den vorangegangenen Tag referieren muß, als ob es keine 120 anderen hungrigen Mäuler im Bäckerladen zu stopfen gäbe... oder die Rentner, die allüberall in Kohortenstärke einfallen, um kleingeldbestückt und cent-für-cent-zählend allmorgendlich ihr Milchbrötchen zu erwerben weil die Korega Tabs-befeuchtete Mundhöhlenfäulnis am eigenen dritten Gebiss anders nicht mehr im Zaum zu halten ist... wann auch immer ich aufschlage, irgendeines dieser drei Arschlocharchetypen ist IMMER vor mir da.

Und so schleppe ich mich weiter. Von der Post, die zu spät kommt, um gleich noch einen Antwortbrief loszuwerden, über das Wetter, daß mir eben noch vollmundig als bedeckt aber trocken verkauft wurde, über die Traurigkeit des eigenen Lebens hinweg bis zum Friedhof aller Tage... Arbeit hin, Rente her... ich gelange langsam zur Erkenntnis, daß mein Leben eigentlich einer Achterbahnfahrt gleicht. Und der Einzige, der Spaß daran hat, bin nicht ich! Aber ich verrat euch was: Ich kotz jedem vor die Füße, der mir diesen Spaß vergällt... denn solang es Menschen gibt, die MIR ins Gesicht sagen, daß sie - wenn sie MICH sehen - endlich mal jemanden MORMALEN sehen (das tut hier jedesmal einer, der im hiesigen Supermarkt arbeitet und dies bereits mehrmals äußerte, wenn ich einkaufen kam), solange weiß ich, daß nicht ALLES falsch gelaufen ist in meinem Leben... und auch wenn früher alles leichter (geiler?!) und besser war als heute, so bin ich dennoch immer noch am Leben und leb MEIN Leben... und SO solltet IHR es auch halten! Lasst euch nicht reinquatschen, sondern macht euer Ding! Und verteufelt nicht alles, was euch ein paar Alte sagen... unter Umständen wissen die, von was sie reden!

Danke.


Zuletzt von Flachzange V 2.1 am Do 15 Aug 2013 - 4:01 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet

_________________
In loving Memory of Flachzange 1966 - 2016


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Kommentare

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Einen eigenen Kommentar an Karin (die Göttin meiner längst verflossenen besten Tage):



Text (an die einzige wirkliche Liebe in meinem Leben):

Every night, a fleeting glimpse of candlelight
Chases 'cross the atmosphere, but you're not here
And I see the shape of moonlight on the cityscape
But now the skyline wears a shroud
I hear your voice in every crowd
Listening for your footsteps in every hallway
Watching for your headlights around the bend
I can see you standing in every doorway

Out in the street, in every glance
I see your reflection, I fall in a trance
Can't you see what you have done
It's making me crazy, I see you in everyone

Day by day, I watch the memories slip away
And traces of reality come back to me
Then I see your face, somewhere in a distant place
The fantasy has gone too far
I close my eyes and there you are
I can see you standing in every hallway
I can feel your heartbeat, I hear your voice
And hiding in my shadow you're with me always

Out in the street, in every glance
I see your reflection, I fall in a trance
Cant you see what ive become
I see you in everyone, in everyone (see you in everyone)
In the night I see your eyes
From every direction a different disguise
You cannot know what you have done
It's making me crazy, I see you in everyone

Out in the street, in every glance
I see your reflection, I fall in a trance
Can't you see what you have done
I see you in everyone, in everyone (see you in everyone)
In the night I see your eyes
From every direction a different disguise
Can't you see what I've become
It's making me crazy, I see you in everyone
You can't know what I've become
It's making me crazy, I see you in everyone
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Das find ich mal ein besonders gelungenen Blogtext, gefühlvoll aber trotzdem witzig!  
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Danke Flachzange dass du uns über dein Sexleben während deiner Teenagerzeit aufgeklärt hast dass wollten wir alle UNBEDINGT wissen ^^
Aber sonst 100 Prozent zustimmung, auch wenn ich doch zu einer jüngeren Generation gehöhre versteh ich dich ganz gut.
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Langer, das war meine Abrechnung mit meiner besten Zeit!

Son alter Sack wie ich hat auch mal an nem geilen Girl rumgefummelt... auch wenns schon gefühlte 1000 Jahre her ist! Ansonsten haste Recht! Ausserdem mag ich Fuzzies wie dich, die klar sagen was sie mögen und was ihnen stinkt! NUR SO kommt dieser Planet vorwärts! Danke also!
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Ich weiß Flachzange ich weiß Smile Das will dir auch keiner nehmen, ich weiß wie das ist meine Jugend ist noch nicht so lange her Razz

Danke fürs Kompliment. Ich versuche das auch im realen Leben, allerdings stoße ich da nicht immer auf so Zustimmung wie hier. *Schulterzuck* naja was solls
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